Erklärung von KON-MED – Konföderation der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland, 13.09.2026
Mit großer Trauer und Wut haben wir vom brutalen Mord an Sîpan Xiznî und vom Tod von neun Menschen im Gefängnis von Kobanê erfahren. Den Familien und Angehörigen der Verstorbenen sprechen wir unser tiefes Mitgefühl aus. Allen Verletzten wünschen wir eine schnelle Genesung.
Der 26-jährige Sîpan Xiznî war Kämpfer der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) und hatte zuvor unter anderem im Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ gestanden. Im Zuge des Integrationsprozesses zwischen den SDF und den neuen staatlichen Strukturen Syriens wurde er in die gemeinsam gebildete Hesekê-Brigade eingegliedert. In Hesekê wurde Xiznî wurde unter der Woche entführt und ermordet. Aufnahmen seiner Ermordung wurden anschließend in den sozialen Medien verbreitet und mit antikurdischen Drohungen versehen. Seine Ermordung löste an zahlreichen Orten Rojavas Proteste und Forderungen nach Aufklärung aus.
Der Mord an Sîpan Xiznî verstärkt die berechtigte Sorge vieler Kurd:innen, dass ihre Sicherheit, ihre politischen Rechte und ihre gesellschaftlichen Errungenschaften auch im neuen Syrien nicht ausreichend geschützt werden.
Massaker im Gefängnis von Kobanê
Besonders schwer wiegt das Vorgehen der syrischen Übergangsregierung in Kobanê. Als Menschen dort gegen den Mord an Sîpan Xiznî protestierten und Aufklärung forderten, kamen aus Aleppo entsandte Sicherheitskräfte zum Einsatz. Demonstrierende wurden festgenommen, es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Schüssen. Zahlreiche Festgenommene wurden in das Gefängnis von Kobanê gebracht. In der folgenden Nacht brach dort im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen eine angekündigte Verlegung von Gefangenen nach Aleppo ein Feuer aus. Neun Menschen verloren ihr Leben, weitere wurden zum Teil schwer verletzt.
Die Entwicklungen in Kobanê stehen dabei nicht für sich. Zugleich erleben wir Auseinandersetzungen um die Zukunft der kurdischsprachigen Bildung sowie um die politischen und gesellschaftlichen Rechte der Bevölkerung Rojavas. Die Beschränkung eines seit Jahren bestehenden muttersprachlichen Bildungssystems und die Missachtung lokaler demokratischer Strukturen wecken Erinnerungen an eine Politik, die die Existenz und den politischen Willen der Kurd:innen unterdrückt und verfolgt.
Die kurdische Gesellschaft in Rojava und überall auf der Welt wird nicht akzeptieren, dass das neue Syrien die zentralistische Herrschaftslogik des Baath-Regimes in neuer, religiös-nationalistischer Form fortsetzt.
Demokratische Integration braucht Rechte und Selbstverwaltung – keine Unterordnung
Eine wirkliche Integration Syriens kann nur demokratisch sein. Sie setzt voraus, dass Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen, Armenier:innen, Êzîd:innen, Drus:innen, Alawit:innen und alle weiteren gesellschaftlichen und religiösen Gemeinschaften ihre Identität frei leben und gleichberechtigt über die Zukunft des Landes mitentscheiden können.
Auch Deutschland und die Europäische Union dürfen angesichts dieser Entwicklungen nicht schweigen. Wer die syrische Übergangsregierung politisch unterstützt, diplomatisch aufwertet und in den Wiederaufbau Syriens einbindet, verfügt zugleich über politischen Einfluss. Dieser Einfluss muss genutzt werden.
Europäische Unterstützung für Damaskus darf nicht bedingungslos erfolgen. Sie muss an nachprüfbare Fortschritte bei Demokratie, Menschenrechten, Minderheitenschutz, lokaler Selbstbestimmung und rechtsstaatlicher Aufarbeitung geknüpft werden.
Unser Ko-Vorsitzender Kerem Gök erklärt dazu:
„Deutschland und Europa dürfen jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Übergangsregierung in Damaskus ist auf internationale Anerkennung, politische Zusammenarbeit und wirtschaftliche Unterstützung angewiesen. Genau diesen Einfluss müssen Deutschland und die EU nutzen. Unterstützung für Damaskus muss daran gebunden werden, dass die Rechte der Kurd:innen und aller anderen gesellschaftlichen Gruppen verfassungsrechtlich garantiert, demokratische Strukturen respektiert und Verantwortliche für Gewalt zur Rechenschaft gezogen werden. Europa darf einem neuen Autoritarismus in Syrien nicht durch Schweigen Legitimität verschaffen.“
Syrien braucht keine islamistische und diktatorische Regierung. Es braucht ein demokratisches System, in dem die Würde, die Rechte und der politische Wille aller gesellschaftlichen Gruppen geschützt werden.